„Auf dem Prüfstand“


Mathias PriebeUnser Autor

Mathias Priebe ist Marketing- und Medien-Profi,
der sich hier kritisch mit TAGEBLATT-Beiträgen und
der Lokalpolitik auseinandersetzt.

 

27.04.2013 13:34 (Kommentare: 0)

Selbstgespräch eines Elternteils

In Elterngesprächen geht es meist um gute Noten. Was mir hingegen wichtiger ist:

Wenn ich mit Personalchefs spreche, klingt es nicht, als wären wir Pisa-Sieger. Sie beschweren sich, dass Schulabgänger kaum noch rechnen können. Freilich ist das zu pauschal. Erfolge bei "Jugend forscht" gibt es auch. Jedenfalls ist Schule gerade in der Diskussion, weil Pauken und Denken schon immer grundverschieden waren. Ich schließe mich den intellektuellen Vorreitern dieser Debatte an. Lehrpläne, nach denen menschliche Gehirne gefüttert werden wie die Mägen von Stopfgänsen, bringen uns nicht weiter - uns als Menschheit.

Ich kann nicht gut rechnen. In meinem Kopf ist kein Platz für Malreihen. Trotzdem habe ich eine Vorstellung von Zahlen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch Rechenschieber und notfalls Finger einsetzen musste. Seit dem Taschenrechner verlieren wir arithmetisch den Überblick. Neulich stand im Wirtschaftsteil, dass die Firma Apple weniger Gewinn macht. Der Aktienwert habe sich deshalb um 280 Millionen Dollar verringert.

Gemeint waren Milliarden. Diese neue Form der Inflation begegnet uns bei Flughafenprojekten ebenso wie bei Staatspleiten. Auf die Milliarde kommt’s nicht an. Die Apple-Aktionäre werden trotzdem unruhig. Von 2011 zu 2012 hatte sich der iProfit fast verdoppelt, von 25 920 000 000 $ auf 41 730 000 000 $. Was für Nullen!

Nun sind die Shareholder sauer, dass es dieses Jahr nicht achtzig oder hundert Milliarden werden. Der Laden macht in einem Jahr so viel Geld wie in dreißig Jahren davor - und das finden Analysten doof. Dazu eine fächerübergreifende Frage: Was treibt solche Firmen dazu, Kinder in einsturzgefährdete Fabriken zu schicken, damit sie ihren Kram zusammen basteln? Mit Adidas-Trainingshosen ist das ähnlich. Zinsrechnung und Ethik gehören zusammen.

Eine Milliarde sind eintausend Millionen. Der Unterschied lässt sich leicht mit einem kleinen und einem riesigen Haufen Sandkörner zeigen, aber welcher Lehrer geht dafür in den Buddelkasten? Sie vertun die Chance zur Weltanschauung. Der Begriff ist aus der Mode gekommen. Ich fände es aber wichtig, dass Kindern, die in Justin-Bieber-Bettwäsche schlafen, nicht die Maßstäbe abhandenkommen.

Erwachsenen auch nicht. Stellen Sie sich die Südkurve der Münchner Fußballarena mit lauter Uli Hoenessen vor. Dann kommen sie auf die Milliarde im Vergleich zur Million. Und es gibt noch mehr von diesen Auswärtsspielern. Goethes Faust wollte begreifen, was die Welt im Innersten zusammen hält, und unsere Kinder haben die Chance, ohne Pakt mit dem Teufel drauf zu kommen. Psst, das Geld ist es nicht!

Ein anderes Beispiel brachte ich bereits: Wenn in einem sächsischen Geografiebuch Garzweiler 2 den Braunkohletagebau abbildet, frage ich mich, ob wir das Tertiär verschlafen haben. Dabei könnten wir Schule mit einem Fach machen: Lausitzer Heimatkunde! Da ist alles drin. Allein die Kohle ist Erdzeitalter, Industrialisierung und Atomausstieg, also Geo, Geschichte und Sozialkunde in einem. Sie ist Photosynthese und Periodensystem - Bio und Chemie. Sie ist Kalorimetrie, stöchiometrisches Rechnen, Dampfkraft, Drehstrom, Klimafaktor, Mengenlehre, Literatur von Frau Reimann, mit etwas Phantasie auch zweite Ableitung und Vektorrechnung. Auf Radtouren durch die Lausitz sogar Sport.

Nein, Schule muss nicht langweilig sein und sie kann Menschen Verantwortung beibringen. Dafür braucht es den Kopf - und das Herz.

 

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